Boris A. Semjonow: „Elzer Kirche St. Johann“
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Das Gemälde „Elzer Kirche St. Johann“ entstand im Jahr 1996 im Zusammenhang mit einem besonderen kulturellen Austausch: dem Besuch einer Gruppe russischer Künstler aus St. Petersburg in der Region Limburg-Weilburg. Das heute vorgestellte Werk stammt aus der Sammlung von Josef Schmitt und befindet sich im Besitz der Elzer Kunststiftung.
Die Begegnung zwischen russischen Künstlern und der deutschen Kunstszene hat eine lange, historisch gewachsene Tradition. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden enge künstlerische Beziehungen zwischen Russland und Deutschland.
Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Maler Alexej von Jawlensky, der russische Bildtraditionen mit Strömungen der deutschen Moderne verband und damit einen wichtigen Beitrag zur internationalen Avantgarde leistete. Solche Verbindungen setzten sich auch im späten 20. Jahrhundert fort. Insbesondere nach den politischen Umbrüchen der Perestroika öffneten sich neue Möglichkeiten für kulturelle Kontakte und Austauschprogramme zwischen Ost- und Westeuropa. Kunsthochschulen, Museen und Künstlergruppen suchten verstärkt den Dialog über nationale Grenzen hinweg. Vor diesem Hintergrund reiste im Jahr 1996 eine Künstlergruppe der Akademie der Künste in St. Petersburg unter der Leitung von Professor Boris A. Semjonow in die Region. Während ihres Aufenthalts erkundeten die Künstler zahlreiche Orte der Umgebung, darunter Elz, Malmeneich, Niederzeuzheim, Hadamar und Limburg. Untergebracht waren sie in einer Pension in Malmeneich, von der aus sie täglich zu Malexkursionen aufbrachen.
Die Landschaft des Westerwaldes, die historischen Ortskerne und das ländliche Leben der Region boten ihnen vielfältige Motive. Während dieser Aufenthalte entstanden zahlreiche Arbeiten: Porträts von Bewohnerinnen und Bewohnern, Ansichten von Dorfstraßen, architektonische Studien historischer Gebäude sowie besonders viele Landschaftsbilder aus den umliegenden Wäldern. Die entstandenen Werke spiegeln eine Stilrichtung wider, die heute häufig als expressiver Realismus bezeichnet wird. Charakteristisch dafür ist eine gegenständliche Darstellung der Motive, die jedoch durch eine lebendige, oft kraftvolle Farbigkeit und eine betont expressive Malweise ergänzt wird.
Der Elzer Geschichts- und Museumsverein griff die Begegnung zwischen den russischen Künstlern und der Region auf und organisierte im Museum Haus Loer eine Ausstellung unter dem Titel „St. Petersburger Maler in Elz“. Die Präsentation stieß auf großes Interesse in der Bevölkerung und machte die entstandenen Arbeiten erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Sie dokumentierte zugleich ein bemerkenswertes Kapitel kultureller Begegnung zwischen Russland und Deutschland in der Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges.
Das am 5. Mai 1996 entstandene Gemälde von Professor Boris A. Semjonow zeigt eine markante Ansicht des Elzer Ortskerns. Im Mittelpunkt steht die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer, deren Turm das Bild deutlich prägt und die Silhouette des Dorfes bestimmt. Der Blick des Betrachters erfasst zugleich mehrere zentrale Straßenzüge des historischen Ortsgefüges: die Rathausstraße, die Hadamarer Straße und die Pfortenstraße. Neben der Kirche sind mehrere bekannte Gebäude zu erkennen, die für die Geschichte des Ortes von besonderer Bedeutung sind. Dazu gehört das Historische Rathaus von Elz, dessen charakteristischer Fachwerkbau bis heute das Ortsbild prägt. Auch der Elzer Damm mit dem Uhrengeschäft Ernst Hunsänger sowie das ehemalige Tabakwarengeschäft Heykamp sind Bestandteil der dargestellten Szenerie. Durch diese Kombination aus Architektur und Straßenraum entsteht ein lebendiges Bild des dörflichen Alltags, das zugleich einen wichtigen Abschnitt der Ortsgeschichte dokumentiert. Das Historische Rathaus, eines der ältesten Gebäude im Ortskern, wurde nach Angaben des Heimatforschers Erhard Weimer im Jahr 1561 errichtet. Die massiven Fundamente reichen jedoch vermutlich noch weiter zurück. Der Fachwerkbau diente ursprünglich als Sitz des Schultheißen und erfüllte über lange Zeit hinweg auch Funktionen als Schulhaus. Bis heute wird das Gebäude als Rathaus genutzt und gilt als eines der ältesten noch verwendeten Rathäuser im Westerwald. Auch die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer besitzt eine bewegte Baugeschichte. Nachdem die frühere romanische Kirche im Jahr 1848 eingestürzt war, begann man mit den Planungen für einen Neubau. Die feierliche Grundsteinlegung erfolgte am 27. Juni 1852. Bereits zwei Jahre später, am 19. November 1854, konnte der Limburger Bischof Peter Josef Blum die neue Kirche einweihen. Seither bildet sie einen zentralen religiösen und architektonischen Mittelpunkt des Ortes. Semjonows Gemälde verbindet diese historischen Bauwerke mit einer atmosphärischen Darstellung des Ortsraums. Die Perspektive führt den Blick des Betrachters entlang der Straßenführung durch den Ort und lässt die Gebäude in einem harmonischen Zusammenhang erscheinen. Dabei wird nicht nur die Architektur sichtbar, sondern auch das gewachsene Gefüge des Dorfes, in dem kirchliche, kommunale und alltägliche Funktionen eng miteinander verbunden sind. Das Bild ist somit mehr als eine einfache Ortsansicht. Es dokumentiert einen Moment der Begegnung zwischen internationaler Kunst und lokaler Geschichte. Zugleich bewahrt es eine Ansicht des Elzer Ortskerns, die sowohl künstlerischen Ausdruck als auch historische Erinnerung miteinander verbindet.
Prof. Boris A. Semjonow war Maler und Professor an einer Kunsthochschule in St. Petersburg. Seine künstlerische Arbeit steht in der Tradition der sogenannten Leningrader Schule der Malerei, die eine gegenständliche Darstellung mit einer lebendigen und farbintensiven Malweise verbindet. Typisch für diese Richtung sind Landschafts- und Stadtansichten sowie Alltagsszenen, die häufig direkt im Freien entstehen und besonderen Wert auf Licht, Atmosphäre und Farbwirkung legen. Stilistisch lassen sich Semjonows Arbeiten dem expressiven Realismus zuordnen, der realistische Motive mit einer freien, dynamischen Pinselführung verbindet und häufig historische Architektur sowie Landschaften in den Mittelpunkt stellt.