Winter 1918 im Elzer Wald von Eduard Josef Müller

Alltag und Entbehrung im Spiegel der Malerei

Das Gemälde „Winterlandschaft im Elzer Wald“ entstand im Januar beziehungsweise Februar des Jahres 1918 und ist untrennbar mit den politischen, sozialen und existenziellen Verwerfungen der letzten Kriegsmonate des Ersten Weltkriegs verbunden. Der Winter 1917/18 ging als sogenannter „Kohlrübenwinter“ in die Geschichte ein und war geprägt von extremer Lebensmittelknappheit, Mangelernährung und Hunger. Besonders in den Städten, so auch in Frankfurt am Main, verschärfte sich die Lage dramatisch. Die zivile Bevölkerung litt unter fehlenden Grundnahrungsmitteln, unzureichender Heizversorgung und zunehmender Erschöpfung durch den langanhaltenden Krieg. Am 28. Januar 1918 kam es in zahlreichen deutschen Städten zu Massenstreiks. Hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter forderten Frieden und eine bessere Versorgung der Bevölkerung. Diese Proteste gelten als frühe Vorboten der Novemberrevolution und verdeutlichen den zunehmenden Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung im letzten Kriegsjahr des Kaiserreichs.
Vor diesem Hintergrund verlegte der Frankfurter Maler Eduard Josef Müller im Jahr 1918 seinen Wohnsitz nach Elz. Bedingt durch die Wirren des Krieges und die zunehmend schwierigen Lebensumstände in der Stadt zog er zu seinem Sohn Ferdinand Müller, der als Pfarrer in Elz tätig war. Müller lebte fortan im Pfarrhaus in der Pfortenstraße und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahr 1922.

Bildbetrachtung: Winterlandschaft im Elzer Wald

Die Winterlandschaft im Elzer Wald zählt zu den ersten Arbeiten des damals 67-jährigen Künstlers an seinem neuen Lebensort. Zwar herrschten auch im ländlichen Raum Not und Hunger, doch bot das Dorf – im Vergleich zur Stadt – größere Möglichkeiten, sich durch Eigenversorgung, Tausch oder Sammeln über Wasser zu halten.
Das Gemälde zeigt eine verschneite Waldlandschaft in der Dämmerung. Der Blick des Betrachters folgt einem schmalen, von Schnee bedeckten Waldweg, der sich in die Tiefe des Bildraums zieht. Rechts und links des Weges stehen kahle, vom Frost gezeichnete Bäume, deren Äste von Schnee und Eis überzogen sind. Die Natur wirkt still, fast erstarrt, zugleich aber rau und unwirtlich. Die untergehende Sonne ist nur noch als matter, gelblich-oranger Lichtfleck zwischen den Baumstämmen zu erkennen und taucht die Szene in ein kaltes, gedämpftes Abendlicht. Im Mittelpunkt des Bildes steht eine einzelne menschliche Figur: eine ältere Frau, schwarz gekleidet, mit gebeugter Haltung. Auf ihrem Rücken trägt sie ein Bündel Reisig, das sie offenbar im Wald gesammelt hat. Ihre dunkle Kleidung lässt auf Trauer schließen und deutet möglicherweise auf den Verlust eines Ehemannes oder eines Kindes im Krieg hin. Die Frau erscheint klein und verletzlich gegenüber der sie umgebenden Natur, zugleich aber entschlossen und zielgerichtet in ihrem Handeln. Die Abenddämmerung nutzt sie, um Holz zu sammeln – ein Vorgang, der strengstens verboten war. Holzdiebstahl wurde auch in Elz verfolgt und bestraft. Das Bild verweist damit auf eine alltägliche Grenzüberschreitung aus Not: Der Überlebenswille zwingt die Menschen, bestehende Regeln zu missachten. Auffällig ist, dass ein schmaler Lichtstrahl der untergehenden Sonne gezielt auf das Reisigbündel fällt. Dadurch erhält das Holz eine symbolische Bedeutung als lebensnotwendige Ressource – als Voraussetzung für Wärme, Überleben und Schutz in der klirrenden Kälte. Der Schnee verstärkt den Eindruck von Härte und Entbehrung. Er reflektiert das fahle Licht und lässt die Kälte beinahe körperlich spürbar werden. Vereisungen an den Baumstämmen und die starre Haltung der Äste deuten auf einen scharfen, eisigen Wind hin. Im Schnee des Waldweges sind zudem deutliche Spuren von Pferdefuhrwerken zu erkennen, die auf landwirtschaftliche Arbeit, Holztransporte oder Versorgungsfahrten hinweisen und die Szene im dörflichen Alltag verorten.
In seiner zurückhaltenden, realistischen Bildsprache verzichtet Müller auf dramatische Zuspitzung oder heroische Überhöhung. Stattdessen verbindet er individuelle Not mit einer allgemeinen Stimmung von Stillstand, Kälte und Erschöpfung. Die einsame Gestalt der Frau steht stellvertretend für viele Menschen dieser Zeit, deren Alltag vom Überleben geprägt war. Die Winterlandschaft im Elzer Wald wird so zu einem stillen, eindringlichen Zeugnis des Kriegsalltags abseits der Front – ein Bild, das weniger den Krieg selbst als vielmehr seine sozialen und menschlichen Folgen sichtbar macht.

Vita: Eduard Josef Müller (1851–1922)

Eduard Josef Müller war ein deutscher Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule, Zeichenlehrer und Kommunalpolitiker der Zentrumspartei. Nach einer Ausbildung im Seminar Montabaur studierte er von 1873 bis 1875 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Wilhelm Lotz. Anschließend lebte er in Frankfurt am Main, wo er an der Elisabethenschule und am Lehrerinnenseminar als Zeichenlehrer tätig war. Neben seiner Lehrtätigkeit schuf er vor allem Landschafts- und Genrebilder, später auch religiöse Werke. Er war Mitglied der Frankfurter Künstlergesellschaft.